Niederlegung des kostbaren Gewands der Allheiligen Gottesmutter
Zur Zeit des byzantinischen Kaisers Leon I. des Großen (457-474) und seiner Gattin Verina unternahmen zwei junge Adlige aus Byzanz, Galbios und Kandidos, Brüder dem Fleische nach, eine Pilgerreise ins Heilige Land. In Galiläa angekommen, machten sie Rast in einem Pilgerhaus, das einer frommen Greisin jüdischen Ursprungs namens Anna gehörte. Im innersten Teil des Hauses war ein Raum, wo die Christen Kerzen anzündeten und Weihrauch darbrachten, und wo viele Kranke und Gebrechliche die Nacht zu verbringen pflegten. Die beiden jungen Edelleute fragten ihre Gastgeberin, was es mit diesem Raum für eine Bewandtnis habe. Die Greisin bezeugte, dass hier dank der Gnade Gottes viele Wunder geschahen, antwortete aber hinsichtlich des Grundes zunächst ausweichend. Auf Drängen der beiden enthüllte sie schließlich, dass in jenem Raum das Gewand der Gottesmutter aufbewahrt wurde, das die Allheilige kurz vor ihrer Entschlafung einer ihrer beiden jüdischen Dienerinnen vermacht hatte und das seither von Generation zu Generation weitergegeben worden war, stets unter der geheimen Obhut einer Jungfrau. Zu Tränen bewegt baten Galbios und Kandidos, die Nacht im Gebet in diesem Raum verbringen zu dürfen. Während die anwesenden Kranken schliefen, nahmen sie die Maße des Holzkästchens, in welchem die kostbare Reliquie aufbewahrt wurde, und zogen anderntags weiter nach Jerusalem, wobei sie ihrer Gastgeberin versprachen, auf der Rückreise wieder vorbei zu kommen. Nachdem sie die Heiligen Stätten verehrt hatten, ließen sie ein Kästchen anfertigen, das demjenigen in Annas Haus völlig ähnlich war. Dann kehrten sie dorthin zurück, nahmen durch eine List das Kästchen mit dem hl. Gewand an sich und stellten an seiner Statt das leere Kästchen hin, das sie mit einem prächtigen goldbestickten Tuch bedeckten.
473 nach Konstantinopel zurückgekehrt, hinterlegten sie den Schatz in Blachérne im äußersten Norden der Stadt, außerhalb der Mauern, nahe dem Ufer des Goldenen Horns, wo sie neben dem Muttergottes-Heiligtum [1] eine Kirche zu Ehren der hl. Apostel Petrus und Markus erbauen ließen, um die Sache zu vertuschen. Doch da an dem Ort viele Wunder zu geschehen begannen, konnten sie das Geheimnis nicht lange bewahren. Sie enthüllten Kaiser Leon die Wahrheit, und dieser ließ voller Freude über den großen Segen, welcher der Stadt zuteil geworden war, der Muttergotteskirche eine neue Kirche anbauen, in der das Holzkästchen mit dem hl. Gewand und dem Schleier [2] der Gottesmutter niedergelegt wurde. Später ersetzte man das Kästchen durch einen mit Edelsteinen besetzten Schrein aus Gold und Silber (wörtl. "hl. Sarg"). Das hl. Gewand war, so heißt es, in einem Stück aus feinster Wolle gleicher Farbe gewoben, und während der königliche Purpur, mit dem man die heilige Reliquie umhüllt hatte, nach einiger Zeit zerfiel, blieb das Gewand über die Jahrhunderte unversehrt, als deutlicher Ausdruck des Wunders der ewigen Jungfräulichkeit der Gottesmutter.
[1] Die Muttergottes-Kirche in Blachérne wurde 450-453 von Kaiserin Pulcheria erbaut. Als das Gewand der Gottesmutter 473 aus Palästina gebracht wurde, fügte Kaiser Leon I. dieser Kirche zur Aufnahme der hl. Reliquie ein Parekklísion (Nebenkirche) in Rundform an. Außerdem vervollständigte und verschönerte er den gesamten Kirchenbau. Die Panagia-Kirche von Blachérne blieb die ganze Byzantinische Zeit hindurch eines der bedeutendsten Heiligtümer der "Stadt der Städte" und war Schauplatz mancher wichtiger historischer Ereignisse. Dank der Hilfe der Panagia Blachernítissa wurden im Jahr 626 die angreifenden Avaren zurückgeworfen (dieses Wunders gedenken wir am Samstag des Akathistos), 717 die Araber und 822 die Aufständischen unter General Thomas. Beim Angriff der Waräger von 860 begab sich der hl. Patriarch Photios (6.2.) mit dem HI. Schleier ans Ufer des Goldenen Horns; kurz darauf wurde die Flotte aus der Rus durch einen heftigen Sturm vernichtet. Unzählige wunderbare Geschehnisse trugen sich zu in diesem Heiligtum, insbesondere das „normale“ Wunder, das sich fast jeden Freitag ereignete: Zur Zeit des Vesper-Gottesdienstes hob sich der Seidenschleier, der die Muttergottes-Ikone bedeckte, von selbst und ließ das Bild sichtbar werden bis Samstagabend zur gleichen Zeit, wenn er sich von selbst wieder senkte. Jeden Freitagabend zelebrierte man eine Nachtwache, gefolgt von einer feierlichen Prozession nach Chalkopratia, dem anderen großen Muttergottes-Heiligtum von Konstantinopel, wo der hl. Gürtel der Allheiligen (siehe 31.8.) aufbewahrt wurde. Die Blachernen-Kirche brannte 1070 ab, wurde aber wieder aufgebaut. 1434, wenige Jahre vor dem Fall von Konstantinopel, fiel sie endgültig den Flammen eines durch Unvorsicht ausgelösten Brandes zum Opfer.
[2] Dieser hl. Schleier (wörtl. „Schultertuch“) war der Gegenstand des Wunders, das der hl. Andreas der Gottesnarr in einer Vision sah, Ursprung des Festes des Hl. Schutzes der Gottesmutter (siehe 1.10.).
aus: Das Synaxarion - die Leben der Heiligen der Orthodoxen Kirche, Zweiter Band - März bis August, Kloster des Hl. Johannes des Vorläufers, Chania (Kreta) 2006, S. 525-526